Vögel in Nordnorwegen - Unterwegs mit Wilflifefotograf Nicolas Stettler

Vögel in Nordnorwegen

Unterwegs mit Profi-Wildlifefotograf Nicolas Stettler & Nikon School

Eine Fotoreise, auf der es dir langweilig werden sollte. Nicht unbedingt etwas, was man sich als Reiseleiter auf Anhieb auf die Fahne schreiben möchte – und das eigentlich auch in der Planung zu vermeiden versucht. Und dennoch verkünde ich nun hier stolz: Auf meinen Reisen ist es durchaus meine Absicht, dass den Teilnehmenden auch einmal langweilig wird!

In einer Seevogelkolonie zu stehen mit rund 100'000 Papageitaucher, Tordalke und Trottellummen – ein absoluter Traum für jeden Naturfotografierenden. Die Motive werden uns dabei nicht so schnell ausgehen. Und dennoch ist es insgeheim auch etwas mein Ziel, das einem zwischendurch auch etwas langweilig werden könnte. Denn dann entstehen oftmals auch wirklich kreative und einzigartige Fotos.

Nordnorwegen Voegel - Tordalk

Seit nun gut 12 Jahren – also schon mehr als die Hälfte meines Lebens – verbringe ich die meiste Zeit mit einer Kamera in der Hand. Selbst im Schlaf halte ich meine Hand mittlerweile so, als hielte ich auch da noch meine Kamera in den Händen. Mittlerweile darf ich mich glücklich schätzen, diese Leidenschaft meinen Beruf zu nennen und so verbringe ich meine Zeit grösstenteils draussen beim Fotografieren oder beim Leiten von Kursen und Reisen. Egal, ob ich einen Anfängerkurs für Fotografie leite oder einen speziellen Kamera-Kurs mit all den versteckten Menüfunktionen – am Ende lässt sich all das auf eine einfache Kernaussage zusammenfassen: (Tier-)Fotografie braucht Zeit zum Üben, Ausprobieren, Scheitern und daraus lernen.

Wenn ich mir eine neue Kamera kaufe, brauche ich Jahre, bis ich sie wirklich gut beherrsche und die meisten ihrer Funktionen auch sinnvoll nutzen kann. Dass dies so lange dauert, mag nun vielleicht daran liegen, dass ich einfach etwas eine langsame Leitung habe. Oder dass ich aus Prinzip das Benutzerhandbuch nicht aufmachen will. Und dennoch scheine ich mit dieser Feststellung nicht der einzige zu sein.

Ähnlich ergeht es mir schlussendlich aber auch draussen in der Natur. Ob zuhause in der Schweiz oder hoch oben im Norden Norwegens, fotografiere ich an einer neuen Location oder eine – für mich – neue Art, verläuft auch dies in einem ähnlichen Stil. Nur habe ich bei einer Location mitten in der Tundra nur selten auch eine Bedienungsanleitung beilegen…

Erst mit der Zeit lerne ich den Ort wirklich kennen. Wie verhält sich der Wind? Wo geht die Sonne unter? Wo halten sich meine Motive auf, und wo kann ich mich verstecken, um sie unter optimalen Bedingungen zu fotografieren? All diese Fragen kann ich erst mit der Zeit beantworten – durch Beobachten und Ausprobieren. Erst dann weiß ich, wann und wo ich mich am besten positioniere, um die gewünschten Vogelaufnahmen machen zu können. Die ersten wirklich guten Fotos entstehen oft nach zahlreichen Fehlversuchen – weil ich am falschen Ort stand, zur falschen Zeit aufgebrochen bin oder einfach Pech hatte.

Als Reiseleiter ist es letztlich auch meine Aufgabe, diesen Part zu übernehmen. So sollte ich zumindest größtenteils wissen, wo es sich zum Zeitpunkt X bei Wetter Y lohnt hinzufahren und was und wie man an dieser Location fotografieren kann. Ich schreibe aber bewusst im Konjunktiv, denn besonders in der Tierfotografie mischt der Zufall immer mit. Doch keine Angst: Sollten wir auf den Reisen einmal Pech mit dem Wetter oder den Tieren haben, sitzen wir nicht einfach untätig herum und hoffen auf ein Wunder. Wenn immer möglich sind alternative Spots, andere Vogelarten und Aktivitäten eingeplant, um flexibel reagieren zu können, falls etwas nicht nach Plan läuft.

Wo soll nun also die Langeweile aufkommen, von der ich anfangs geschrieben habe?

Wenn ich an meine Lieblingsbilder denke – Bilder, die mir auf die eine oder andere Weise besonders gut gefallen oder eine starke Geschichte erzählen –, haben 99% davon eines gemeinsam: Es sind Bilder von Arten, die ich oftmals über mehrere Wochen, wenn nicht sogar Jahre begleitet habe. So verbringe ich beispielsweise jeden Frühling und Sommer bis zu 30 Abende im immer gleichen Biberrevier. Die Saison 2025 wird dabei nun mein 10- jähriges Jubiläum! Bei anderen Projekten hatte ich vielleicht etwas weniger Zeit, aber auch beispielsweise bei den Elchen konnte ich über die letzten 5 Jahre verteilt unzählige Nächte damit verbringen, die großen Tiere zu fotografieren und ihr Verhalten kennenzulernen.

Nordnorwegen Elche Weidenröschen und Lichtung

Diese Elche positionierten sich wunderbar hinter einer grösseren Ansammlung von schmalblättrigen Weidenröschen. Schon länger war es das Ziel, die Tiere in einem solchen Blumenmeer abzulichten – hier hatte es dann endlich geklappt.

Je besser ich die Art und Location kenne, desto leichter ist es in der Regel, zu guten Fotos zu kommen. Damit ein Foto aber nicht nur gut aussieht, sondern sich davon abheben kann, fehlt dazu aber noch eine wichtige Komponente: der Mut zum Scheitern! Fotografiere ich eine Art zum ersten Mal, will ich sichergehen, dass ich das Tier wirklich scharf abgebildet habe. Gelingt mir das, kann ich mich in den darauffolgenden Begegnungen schon mehr um Hintergrund und Licht kümmern. Nach etlichen Begegnungen habe ich dann vielleicht das beste Licht schon getroffen und der Hintergrund stimmt perfekt – allmählich beginnen sich die Fotos zu wiederholen. Genau dann setzt die Langeweile ein, auf die ich von Anfang an abziele – ich nenne sie fotografische Langeweile.

Denn habe ich ein Motiv schon hunderte Male fotografiert, drücke ich persönlich wesentlich seltener auf den Auslöser als bei meinen ersten Begegnungen. Das klassische Foto ist irgendwie schon gemacht – ein weiteres wäre letztlich nur ein Duplikat, das mir Speicherplatz von der Festplatte fressen würde. Wenn ich mich nun aber zwinge, dennoch weiter zu fotografieren, muss ich zwangsläufig mit Komposition, Licht und Aufnahmetechnik experimentieren. So hat das Bild wenigstens die Chance, wirklich auf der Festplatte zu bleiben und nicht bald wieder gelöscht zu werden.

Um aber wirklich kreative Bilder aufnehmen zu können, braucht es oft auch Mut – oder die Gelassenheit, dass ein Experiment schiefgehen kann. Fotografiere ich die Papageientaucher im Flug mit einer sehr langsamen Verschlusszeit (z.B. 1/30 Sekunde), ist die Chance groß, dass die gesamte Serie unscharf und unbrauchbar wird. Nach einigen Versuchen habe ich dann aber hoffentlich einmal Glück und schaffe es, genau in der richtigen Geschwindigkeit mit dem Vogel mitzuziehen. So kann ich viel mehr Dynamik und Bewegung einfangen als mit einer kurzen Verschlusszeit. Dass bei dieser Art von Bildern aber etliche Serien in die Hose gehen gehört aber einfach dazu. Umso erfreulicher ist es denn aber auch, wenn es dann mal auch perfekt aufgeht!

Ein Papageitaucher, aufgenommen mit einer 1/30 Sekunde. Die Flügel werden dadurch verschwommen und das Bild bringt allgemein etwas mehr Dynamik mit sich.

Nordnorwegen Vogelfotografie - Papageientaucher Dynamik

Ein Papageitaucher, aufgenommen mit einer 1/30 Sekunde. Das gesamte Bild ist scharf und es gibt keine Bewegungsunschärfe. Dadurch lassen sich auch Details im Flügel erkennen – der Vogel hängt aber etwas in der Luft. Gut möglich, dass dir dieses Bild besser gefällt, es ist immer auch eine Frage des Geschmacks und der Geschichte, die man erzählen will.

Nordnorwegen Vogelfotografie - Papageientaucher Scharf

Vom exakt gleichen Standort aus lassen sich die Papageientaucher aus nächster Nähe porträtieren. Im Sommer finden sich dort öfters auch einige schöne Blumen, welche den Fotos noch etwas ungewohnte Farbe verleihen. Die Papageientaucher sind hier auch sehr zutraulich und so dauert es oft nicht lange bis man hier sein Porträt nach seinen Wünschen entsprechend einfangen kann. So habe ich mich hier dann schliesslich auch dazu überwinden müssen, mal etwas anderes zu versuchen und so legte ich mein 400 mm Objektiv zur Seite und wechselte auf mein 20 mm. Damit liessen sich die Tiere dann auch auf eine völlig andere Art und Weise fotografieren. Die richtige Lücke in den Blumen zu finden war denn auch gar nicht so einfach. Das Resultat gefällt mir aber umso besser – auch weil es einmal eine völlig andere Sichtweise auf die Vogelart bietet.

Ein recht klassisches Foto von einem Papageitaucher. Die gelben Blumen im Vordergrund boten dabei einen idealen Farbkontrast zum Blau des Meeres.

Nordnorwegen Papageientaucher nah - Vordergrund verschwommen

Hier ist der Papageitaucher weitaus kleiner im Bild. Dafür sieht man mehr von der gesamten Landschaft und durch die Perspektive des 20 mm Objektivs kann man auch die Distanz wesentlich besser abschätzen.

Nordnorwegen Fotografie - Papageientaucher Weitwinkelobjektiv

Schlussendlich gehört natürlich auch etwas Mut dazu, das Teleobjektiv an solch einer Location wegzupacken. Was, wenn genau in diesem Moment der Papageientaucher mit den Flügeln schlägt? Oder eine Schmarrotzerraubmöwe nahe am Felsen vorbeifliegt? Mit dem 20 mm wäre davon nur ein kleiner dunkler Punkt abgebildet…

Genau aus diesem Grund verbringen wir auf der Fotoreise in den hohen Norden Norwegens etliche Stunden, über mehrere Tage verteilt in der Seevogelkolonie. So ist es wie auf all meinen Reisen etwas das Ziel, eine Location nicht nur einmal zu besuchen. So ist es denn eben auch möglich, dass es einem Mal auch etwas ‘fotografisch langweilig’ werden kann. Doch so kann man sich dann auch die Zeit nehmen, einmal die Augen aus dem Sucher zu nehmen und die wunderbaren Szenen von Auge zu betrachten und die unglaublichen Begegnungen einfach zu geniessen. Man hat schliesslich auch die Zeit dazu, die Szenen mit ausgeruhten Augen zu betrachten und entdeckt so plötzlich ganz neue Blickwinkel.

Schlussendlich hat man aber auch den Mut dazu, mal mit Bildideen zu experimentieren die vielleicht nicht immer auf den ersten Anhieb hinhauen. Genau dann, entstehen schlussendlich aber auch die einzigartigen Bilder, die dann wirklich auch unvergesslich bleiben.

Bei der Entwicklung der Bildideen stehe ich dir natürlich auch immer zur Seite und kann gegebenenfalls auch mit Ideen und Tricks mit der Kamera helfen. Als Reise in Kooperation mit der Nikon School hast du auch die Möglichkeit, eine Auswahl an Objektiven und Kameras auszutesten und für die Gestaltung deiner Bilder zu nutzen. Natürlich bist du aber auch mit Kameras von anderen Herstellern herzlich dazu eingeladen an der Reise teilzunehmen!

Vielen Dank an Nicolas Stettler für diesen schönen Beitrag über die Fotografie der Vogelwelt in Nordnorwegen.

Ihre Nikon School Reisen mit Nicolas Stettler

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